Die Stadtkapelle Groß-Siegharts
hat sich seit einigen Jahren folgendes Motto auf ihre Fahnen geheftet: „Musik
verbindet“. Und um diesem Leitspruch gerecht zu werden, unternimmt
das unter der Leitung von Magister Krzysztof Brzezinski stehende Orchester
immer wieder Reisen, die es schon mehrfach ins Ausland, etwa drei mal nach
Polen und einmal nach Malta, sowie in andere österreichische Bundesländer
(Oberösterreich und Tirol) geführt haben.
Sinn dieser Reisen ist es, Menschen mit Hilfe der Musik einander näher
zu bringen, Vorurteile abzubauen und Freundschaften zu schließen und
zu vertiefen. Als zwar noch relativ junges, aber doch schon langjähriges
Mitglied der Stadtkapelle konnte ich immer wieder feststellen, dass dies
auf unseren Reisen sowohl innerhalb unserer Gruppe, zwischen jungen und
älteren Musikern, zwischen Begleitpersonen und Musikern und hin und
wieder sogar zwischen weiblichen und männlichen Reiseteilnehmern der
Fall ist. Aber auch zwischen den Mitgliedern der Gruppen und Organisationen
aus verschiedenen Ländern gelingt es trotz mancher Sprachprobleme,
einander näher zu kommen. Doch dazu später mehr.
Auf unserer letzten Polenreise im Mai des vergangenen Jahres hatten wir
Herrn Christian Schröter, den Vorsitzenden der Deutsch-Polnischen
Gesellschaft Berlin, kennen gelernt. Dieser, begeistert von den musikalischen
aber auch menschlichen Qualitäten unseres Orchesters lud uns dazu
ein, an einer Jubiläumsveranstaltung der Deutsch-Polnischen Gesellschaft
teilzunehmen. Am Freitag, den 29. August 2003, war es dann soweit. Die
Stadtkapelle Groß-Siegharts begab sich nach einer langen Planungsphase
auf ihre bereits fünfte Auslandsreise. Das Ziel sollte diesmal Berlin,
die Hauptstadt Deutschlands sein.
Nachdem bereits am Vortag die Instrumente und größeren Gepäckstücke
verladen worden waren, ging es pünktlich um vier Uhr morgens los.
Noch etwas müde, doch mit großer Vorfreude traten 30 Musiker,
unsere beiden Marketenderinnen und 11 Begleitpersonen die Reise an. Nach
dem Frühstück in Böhmen erreichten wir gegen Mittag die
wunderschöne Stadt Dresden. Im Anschluss an eine interessante Stadtbesichtigung
ging es weiter Richtung Berlin, das wir erst spät am Abend erreichten.
Die Begleitpersonen sowie einige Spitzenfunktionäre aus unseren Reihen
waren in einem Hotel untergebracht, der Großteil der Musiker nächtigte
hingegen in der Julius-Leber-Kaserne der Deutschen Bundeswehr, in der
wir uns sehr wohl fühlten. Lediglich unsere jungen Damen konnten
sich mit der Gemeinschaftsdusche (Damen und Herren waren selbstverständlich
getrennt) nur langsam anfreunden.
Am Samstag, dem 30. August hatten wir unseren ersten musikalischen Auftritt
im Rahmen eines Apfelfestes in der deutsch-polnischen Grenzstadt Guben
zu absolvieren. So blieb es uns nicht erspart, nach einer kurzen Nacht
bereits früh am Morgen wieder unsere Plätze im Autobus einzunehmen.
Für die Reisestrapazen wurden wir aber mit einem netten Empfang seitens
des Publikums in Guben entschädigt. Nach unserem Konzert begaben
wir uns auf einen Fußmarsch über die deutsch-polnische Grenze
und wurden in der Aula eines polnischen Gymnasiums mit einem Mittagessen
bewirtet. Wieder zurück auf der deutschen Seite der Stadt tischte
man uns noch Kuchen und Kaffee auf.
Zur Abendgestaltung standen den Reiseteilnehmern zwei Optionen zur Wahl.
Einerseits konnte man sich bei einem Konzert von Scholares Minores Pro
Musica Antiqua auf den großen Konzertabend am nächsten Tag
einstimmen oder man genoss die nette Atmosphäre am Apfelfest bei
einem gemütlichen Glas Apfelbier. Der offizielle Ausklang des Abends
fand schließlich bei einem gemeinsamen Abendessen mit den Mitgliedern
von Scholares Minores statt.
Dass auch die folgende Nacht eine kurze war und kaum Erholung brachte,
braucht wohl nicht extra erwähnt zu werden. Dennoch ging es am Sonntag
mit einer Besichtigung der Stadt Berlin weiter. Dabei sahen wir nicht
nur die wichtigsten Sehenswürdigkeiten der deutschen Hauptstadt,
sondern erfuhren von unserem charmanten und humorvollen Führer einiges
über das Leben der Berliner High Society.
Nach einer kurzen Mittagspause rückte der Höhepunkt unserer
Reise immer näher. In der „Werkstatt der Kulturen der Stadt
Berlin“ ging das gemeinsame Konzert mit Scholares Minores Pro Musica
Antiqua mit großem Erfolg für beide Ensembles, wie sie später
noch lesen können, über die Bühne. Da man Erfolge feiern
soll, wie sie fallen, dauerte auch die letzte Nacht nur wenige Stunden
und so machten wir uns am Montag morgen kaum erholt doch glücklich
und zufrieden auf den Heimweg, der uns diesmal durch die schöne Landschaft
der sächsischen Schweiz führte. Schließlich erreichten
wir um 23 Uhr mehr gesund als munter unsere Heimatstadt Groß-Siegharts.
Musikalisch trat die Stadtkapelle Groß-Siegharts auf dieser Reise
also zweimal in Erscheinung. Das erste Konzert beim Apfelfest in Guben
fand in einer typischen Festatmosphäre statt, zu der auch unsere
beiden Marketenderinnen durch ihr charmantes Auftreten und den wohlschmeckenden
Schnaps in höchstem Maße beitrugen. Wir Musiker bemühten
uns, die anwesenden Zuhörer besonders mit typisch österreichischer
Musik wie etwa der „Feuerfest-Polka“ von Josef Strauß
oder den Märschen „Mein Tirolerland“ oder dem „Bozner-Bergsteiger-Marsch“
zu unterhalten. Bei diesen Märschen trat besonders unser Ehrenobmann
Richard Altrichter ins Rampenlicht, der mit seinen Sanges- und Jodlerkünsten
seinem Spitznamen „Jodlerkönig des Bandlkramerlandls“
mehr als nur gerecht wurde. Als er am Abend den Saal, in dem das Konzert
von Scholares Minores Pro Musica Antiqua stattfand, betrat, meinte eine
ältere Dame, die am Nachmittag unserem Konzert beigewohnt hatte,
voll Begeisterung zu ihrer Sitznachbarin im wundervollen norddeutschen
Dialekt: „Da, guck mal, ist das nicht dieser Halladrio?“
Der musikalische Höhepunkt der Reise war aber zweifelsohne das gemeinsame
Konzert mit dem polnischen Kinder- und Jugendensemble aus unserer Partnerstadt
Poniatowa am Sonntag Abend in Berlin. Das Konzert fand unter dem Motto
„Europa trifft sich in Berlin“ statt und stand somit unter
dem Vorzeichen der im kommenden Jahr erfolgenden EU-Erweiterung. Die Stadtkapelle
eröffnete dementsprechend das Konzert mit den Hymnen Deutschlands,
Polens, Österreichs sowie der Europahymne. Besonders die mitreißende
Interpretation der polnischen Hymne begeisterte das Publikum, das zu großen
Teilen aus in Berlin lebenden Polen und aus Auslandsösterreichern
bestand. So etwa meinte ein ranghoher polnischer Diplomat, er hätte
sich nicht denken können, dass ein Orchester, das nicht aus Polen
stammt, in der Lage sei, den Charakter Polens so treffend zu präsentieren.
In der Folge brachten wir Musik aus Polen, Ungarn und Böhmen sowie
natürlich aus Deutschland („Berliner Luft“) und Österreich
zu Gehör. Der Höhepunkt des Konzerts war sicherlich der gemeinsame
Auftritt mit Scholares Minores Pro Musica Antiqua mit den Darbietungen
eines polnischen Liederpotpourris und des Marsches „Mein Tirolerland“.
Im zweiten Teil des Konzertes begeisterten die jungen Künstler aus
Poniatowa mit Musik und Tanz in gewohnter Perfektion.
Nach dem Konzert konnten wir uns der Danksagungen und Gratulationen seitens
des Publikums kaum erwehren. Unzählige Besucher versicherten uns,
dass wir ihnen einen unvergesslichen Abend bereitet und mit unserer Musik
viel Freude gemacht hätten. Exemplarisch seien hier nur zwei Aussagen
angeführt: Eine Dame etwa meinte, sie habe die Blasmusik bisher nicht
beachtet und sie geringgeschätzt, doch durch unser Konzert habe sie
ihre falsche Meinung geändert, da sie nun wisse, wie vielseitig Blasmusik
sein könne, welch hervorragende Musik und vor allem welch bezaubernde
Stimmung ein Blasorchester hervorbringen könne. Ein älterer
Herr, der selbst lange Zeit als Musiker aktiv war, attestierte uns sogar
die Fähigkeit, überall und zu jedem Anlass auftreten zu können
und verglich uns (wohl etwas übertrieben) sogar mit den Berliner
Philharmonikern.
Neben dem musikalischen
Erfolg gab es auf dieser Reise auch zwischenmenschliche Erfolge zu verzeichnen.
Wie eingangs bereits kurz erwähnt, stärken unsere Reisen jedes
Mal aufs Neue das Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb unseres
Orchesters. Die Musiker im Alter von 13 bis 71 verbrachten vier gemeinsame
Tage in freundschaftlicher Atmosphäre. Ohne dass so etwas wie ein
„Generationenkonflikt“ spürbar gewesen wäre, wurde
gemeinsam musiziert, gefeiert und gelacht. Ein „Dankeschön“
sei an dieser Stelle auch an die Begleitpersonen gerichtet, die nicht
nur durch ihre „tragende Rolle“ beim Schleppen der Instrumente
und Notenkisten sondern auch durch ihre gesellige und freundschaftliche
Art zum Gelingen der Reise beigetragen haben.
Für viele Mitglieder unseres Ensembles bot die Reise auch die Möglichkeit,
Freunde aus den Reihen von Scholares Minores Pro Musica Antiqua wieder
zu treffen. Besonders für die Jugendlichen war es eine schöne
Gelegenheit, mit „alten Bekannten“ zu plaudern und in Erinnerungen
an Erlebnisse bei vergangenen Treffen zu schwelgen. Musik verbindet eben.
Nicht unerwähnt bleiben sollte unser Reisebegleiter von deutscher
Seite, Herr Andreas Jensen, der mit uns auf höchst humorvolle und
liebenswürdige Art und Weise diese vier Tage verbrachte. Da die Sympathien
auf Gegenseitigkeit beruhten, ist eine neuerliche Berlinreise der Stadtkapelle
Groß-Siegharts nicht auszuschließen.
Am Ende dieses kurzen Reiseberichtes möchte ich noch zwei Herren
aus unseren eigenen Reihen danken. Es sind dies unser Obmann, Herr Direktor
Reinhold Weikertschläger, der viele Stunden seiner ohnehin spärlichen
Freizeit für die Organisation dieser Reise opferte und unser Kapellmeister,
Herr Magister Krzysztof Brzezinski, ohne dessen persönliche Kontakte
all unsere Reisen in dieser Form nicht zu Stande gekommen wären.
|